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Ausstellungseröffnung Bim Köhler, „Glanzstücke“, Galerie Harthan,
17. September 2010
Neulich war ich mit einer
Freundin auf der Art Cologne. Wir kamen an einem schwarzen
Quadrat vorbei und sie sagte tatsächlich: „Also das sagt mir gar
nichts, ich glaub, das könnte ich auch…“ Dieser Kommentar ist
vielleicht einer der meistgebrauchten Allgemeinplätze der
Kunstrezeption zur konstruktiven Kunst, und es dürfte zu den
schwierigsten Aufgaben kunsthistorischer Bemühungen gehören,
einem Kunstneuling zu erklären, warum ein schwarzes
Quadrat nicht wie ein anderes schwarzes Quadrat ist. Denn
gerade bei der Farbfeldmalerei ist es spannend und wichtig zu
fragen: Wie entsteht ein solches Bild? In der Beschäftigung
nicht nur mit Materialien und Technik, sondern besonders mit der
persönlichen Arbeitsweise des Künstlers erfahren wir etwas, was
vielleicht persönlicher ist als ein paar gut gezeichnete
Porträtstudien.
Ganz speziell trifft das auf
die Kunst von Bim Köhler zu. Der Autodidakt Köhler ist ein
echter Erfinder, der wie ein Alchemist in teilweise jahrelangen
Versuchsanordnungen sein Ziel verfolgt und erst zufrieden ist,
wenn ihm der gewünschte Effekt gelungen ist. Er drückt es
folgendermaßen aus: „Ich bin immer für die harte Arbeit und mach
halt immer so einen komplizierten Quatsch.“
Bei Köhler ist der
künstlerische Weg des Malens das Ziel und die Vollendung eines
Werks beinahe nur noch eine Dokumentation seiner Malerei. Es
geht Köhler in erster Linie um die Entwicklung der Farbe und den
Nachweis der Schritte des Malprozesses. Dabei experimentiert er
gern und sucht nach neuen Lösungen auf dem Gebiet der
konstruktiven Kunst.
Bim Köhler geht bei seiner
Arbeit auch fast wie ein Architekt vor: Die Bildarchitektur
besteht wie ein Gebäude aus einem soliden Fundament, Wänden und
einem schützenden Dach. Durch diesen Aufbau bekommen die Werke
etwas Skulpturales. Nach dem sorgfältig vorbereiten Bildträger
mit Malgrund verwendet der Künstler immer reine Pigmente, da
bereits vorgemischte Öl- und Acrylfarben Füllstoffe enthalten,
die die Farben deckend werden lassen. Köhler möchte jedoch
bewusst transparente Farben, die den Entstehungsprozess des
Bildes durchscheinen lassen. Als Werkzeug dient dem Künstler
stets ein Pinsel. Das Dach, also der Firnis, wird je nach Bedarf
passend ausgewählt, in dieser Ausstellung, wie es der Titel
„Glanzstücke“ schon sagt, oft hochglänzend. Bei einigen der fast
monochromen Bilder ist dieser Aufbau besonders gut
nachvollziehbar, wo die zahlreichen Schichten sich nach unten
hin öffnen und wie ein Vorhang den Blick auf die darunter
liegenden Arbeitsschritte frei geben.
Die neuesten Arbeiten enthalten
Silberpigmente, die über verschiedene Lagen anderer Farben
aufgetragen werden. Auf den Firnis verzichtet der Künstler hier
ganz, der Glanz kommt allein aus den Pigmenten. Durch die zarte
oberste Schicht erscheint die Oberfläche wie eine Haut oder eine
atmende Membran, die sich über eine blutrote Fläche gelegt hat;
und nur an den Rändern klaffen Lücken, die an Rasierwunden
erinnern. Der Künstler betont immer wieder, dass er eigentlich
ein „Bild ohne Bild“ schaffen möchte und es ihm daher fern
liegt, mit seinen Kompositionen Poesie zu schaffen. Bei dem
kleineren der beiden neuesten Formate ist durch die zufällige
Komposition jedoch deutlich etwas Poetisches zu spüren. Auch die
Assoziation zu chinesischen Lackarbeiten, die beim Ausdruck der
großen Arbeit entstehen kann, verweist auf diese Bildebene.
Sehen wir uns die Reihe
kleinerer Bilder im Nebenraum an. Fünf Werke, alle gleich groß,
in verschiedenen Farben. Die Bildträger, die Köhler hierfür
verwendet, sind Plexiglaskörper, die aus dem Bereich der
Krankenhaustechnik stammen. Auf den ersten Blick wirkt es so,
als ob verschiedene Farben auf einer Oberfläche erscheinen; aber
dieser Eindruck täuscht, denn die verwendeten Glaskügelchen sind
alle nur mit jeweils einem Pigment und Tusche gefärbt. Aus der
Nähe betrachtet wird deutlich, dass tatsächlich nur jeweils eine
Farbe verwendet wurde. Die Schauseite der Bilder, also ihre
Oberfläche, ist stark körnig und glitzert an manchen Stellen.
Als wir die Bilder hier zum ersten Mal zusammen betrachtet
haben, kam die Assoziation von grobem Schmirgelpapier oder
Kaviar auf. Ich möchte sagen: Das ist ein deutlicher Hinweis
darauf, den ästhetischen Reiz von Schmirgelpapier nicht zu
verachten! Auch über die Herstellung können wir uns in diesem
Zusammenhang einmal Gedanken machen, denn was hier so einfach
aussieht, ist das Ergebnis von zwei Jahren Versuchsanordnung.
Köhler bringt die Glaskügelchen in einem langwierigen Prozess
und in vielen Schichten auf die Plexiglasplatte auf, und durch
das Spiel mit dem Licht ergibt sich der Eindruck der
Vielfarbigkeit. Die spezielle Leuchtkraft und der Eindruck
mehrerer Farben gelingt dem Künstler durch einen Trick: Durch
die durchsichtige Plexiglasform scheint der Rücken des Bildes
durch, den der Künstler mit mehreren Schichten Farbe bemalt hat.
Vorn und hinten mischen sich dann im optischen Ausdruck. So
entsteht eine besondere Aura, die je nach Lichteinfall völlig
unterschiedlich sein kann. Die Idee zu dieser Werkreihe kam dem
Künstler bei der Betrachtung von Fresken aus der italienischen
Renaissance. Diese glitzern teilweise wegen ihrer leuchtenden
Quarzanteile. Hier setzt der Künstler also quasi eine
Vergrößerung dieses Effektes ins Bild.
Bei den neuen bunten
Farbkompositionen sind etwa 120 Linien in vertikaler, diagonaler
und horizontaler Folge über die gesamte Bildfläche angeordnet.
Alle sind freihand mit Pinsel gezogen, jeder Strich ist
Komposition und fein bedacht, nichts wird dem Zufall überlassen.
Auf den ersten Blick erinnern die entstehenden Farbräume mit
ihren zufällig erscheinenden geometrischen Formen an eine
reduzierte Version der Tierschicksale von Franz Marc oder an
Lionel Feiningers Kirchenbilder. Textiles, Sakrales, all das
liegt in den Kompositionen, und dennoch weist die glatte
Oberfläche und die Präzision der Linie alle Poesie weit von
sich. Genauer betrachtet liegt aber eine gewisse Romantik
bereits in der fast meditativen Ruhe von Köhlers Pinselstrich.
Eine beinahe übermenschliche Präzision lässt sich in dieser
Linienführung ablesen und prallt auf das Zeugnis des Atems des
Malers: In den Farbstreifen erkennbar sind Absätze, die
entstehen, wenn der Maler Atem holen muss auf dem Weg einer
Bahn. Die wässrige Farbe ist dabei nicht mehr als milchdick, und
es wird in der Waagerechten gearbeitet. Jede Schicht muss
einzeln trocknen, damit die nächste darauf gelegt werden kann.
Für ein Bild benötigt der Künstler auf diese Art etwa drei
Monate. Die glänzenden und glatten Oberflächen verführen zum
Berühren, aber der kleinste Fingerabdruck stört die
Kompositionen, und das Bild müsste hinterher vollkommen
gereinigt werden.
Zum Abschluss dieses
Farbenfestes fiel mir die bekannte Geschichte von der Maus
Frederick von Leo Lionni ein. Frederick sammelt im Sommer
Farben, während seine Mäusefamilie materielle Vorräte für den
Winter heranschafft. Erst als im tiefen Winter alle Nüsse und
Körner aufgebraucht sind, packt Frederick seine Farbgeschichten
aus und erzählt von der warmen goldenen Sonne, dem roten Mohn
oder den grünen Blättern und gibt den anderen Mäusegesichtern
damit die Kraft, den grauen Winter zu überstehen. Ich wünsche
Ihnen viel Freude beim Sammeln neuer Farben für den Winter und
mit der Kunst von Bim Köhler. |