Jochen Stenschke  
  - Zeitströme -  
  Ausstellung 30.09. - 10.11.2001  
 

 

Blick in die Ausstellung

 

Jochen Stenschkes Werk hat seine Wurzeln in einer eher dem

Figurativen verpflichteten Malerei wie Zeichnung der 80er Jahre

des 20. Jahrhunderts, die im Berlin jener Tage geprägt war von

einem expressiv wilden, mitunter zur Abstraktion neigenden

Ansatz. Das Leinwand-, aber auch schon das Tafelbild,

Collageelemente und Objekte benennen diese künstlerischen

Anfänge. Er ist darüber hinaus auch Bildhauer und Objekt-

künstler. Er ist alles zugleich und doch immer auch jedes für

sich.

Seine Arbeiten, die großformatigen "Tafelbilder" und die Zeich-

nungen von unterschiedlichen Dimensionen, weisen ihn als

einen Künstler aus, dessen Werke sich in formaler wie inhalt-

licher Sicht zu einem komplexen System verknüpfen, indem

Malerei und Zeichnung vielfältigste Assoziationsbezüge offen

legen, das eine im anderen sich findet, das eine auf das ande-

re verweist, wie hier in der Ausstellung leicht nachvollziehbar.

Jochen Stenschkes Werk entwickelt sich kontinuierlich aus

einem Grundrepertoire heraus, das sich mit wenigen Begriffen

fassen lässt:dazu gehört das Tafelbild mit Holzplatte und trans-

parentem PVC-Material als Bildträger, in den früheren Arbeiten

teilweise Salz, hinzu kommt das Papier der Zeichnungen;

dazu gehört der Mensch als Ganzes oder fragmentarisch ge-

sehen als Zentrum der künstlerischen Auseinandersetzung;

dazu gehören Existentielles, Kulturprägendes, Geistiges, Be-

wusstes und Unbewusstes als inhaltliche Dimensionen; dazu

gehören Zeichnen, Ritzen, Einschneiden, Bemalen und

Schichten als Handlungsakt; dazu gehören reduzierte, fast

archaische Zeichen und Symbole als Ausdrucksformen einer

vielsagenden Sprachlichkeit.

Das Holz als Bild- und Materialträger gerät in der Überdeckung

mit PVC, Farben und Zeichenstoffen zum mehr oder weniger

verdeckten Traditionsverweis auf die Urgründe der Tafelmalerei,

die der Künstler nicht wiederbeleben will, sich doch aber ihrer

Existenz bewusst ist.

In der Vielschichtigkeit des Auftrages der Malerei, dem oftmals

eher zeichnerischen Bezeichnen von Formen, Figuren, Krea-

turen, Dingen, dem mitunter massiven Eingriff in die Holz-, und

PVC-Schichten per Pinselschlag, Farbrolle, Stiften und Krei-

den, aber auch per Stecheisen, gehen Jochen Stenschkes

"Tafelbilder" in ihrer vielfach reliefartigen Oberflächenerschei-

nung weit über das gewohnt gängige Tafelbild hinaus, schaffen

meist dreidimensionale Strukturen eines offenen Bildwerkes,

jener Art, die erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts das

Licht der Kunstwelt erblickte.

Durch seine besondere Materialwahl und deren Bearbeitung

ergeben sich besondere Ausdrucksmöglichkeiten, die der

Künstler seinen ebenso besonderen inhaltlichen und formalen

Anforderungen zugeordnet hat.

Spuren bleiben sichtbar, manchmal auch nur noch erahnbar -

Nähe und Distanz, die Jochen Stenschkes vielschichtig ge-

schichtetes Werk insgesamt prägen, sind wahrnehmbar.

Das PVC in seinem gelblichen Ton erinnert ob seiner Färbung

und glatten Oberflächenbeschaffenheit an Haut, die den Kör-

per bedeckt, durch die hindurch aber Blutbahnen, Muskel-

stränge, Sehnen wahrnehmbar bleiben und die die verschie-

densten Stoffe aus ihrer Umwelt über Poren aufnimmt. Dem

Absorbierverhalten von Haut ist die Eigenschaft des von ihm

verwendeten PVC-Materials vergleichbar, das ein Einsickern

von Stoffen und Farben, insbesondere Gelb und Rot zulässt.

Darüber hinaus lässt es in seiner optischen Materialbe-

schaffenheit schlechthin an "Mensch" denken, und erweist

sich darin als Äquivalent zu den "Körperfragmenten" wie

Beinen, Händen, Wirbelknochen, Kopf und Gehirn, die zu

Jochen Stenschkes Figurationen- und Formen-Kanon ge-

hören.

Durch das Einkerben, Einschneiden, das transparent Bel-

lassen, das schichten in fast allen seinen Werken, erhält das

Bildfeld aus PVC und Malerei und Zeichnung eine Weite und

Tiefe zugespielt, die zudem einem Fensterdurchblick gleich-

kommt. In diesem intendierten Innen und Außen des Gesamt-

Bildes wird aber keineswegs nur ein räumlich-physisches Er-

leben von Innen und Außen, von Nah und Fern, von Ver-

schlossen und Offen gegenwärtig, sondern auch ein inneres

Erleben benannt, das sich gerade in Zeichen und Formen von

archaischer, urbildhafter Einfachheit äußert. So sind denn

auch Innen und Außen nicht scharf getrennte Bereiche,

sondern über die Zeichensprache des Künstlers miteinander

verbundene Ebenen einer umfassenden Wahrnehmung.

Dies gilt für alle Arbeiten Jochen Stenschkes, insbesondere

aber für die neuesten Werke der "Zeitströme".

Seine "Zeitströme" verbinden aus dem jetzigen Leben heraus

die aus unterschiedlichen kulturellen Prägungen erwachsenen

Leistungen an geistigen, kulturellen Setzungen des Menschen.

Generationenübergreifend, von Zeit zu Zeit weitergegeben,

spürt der Künstler jenen kollektiven Linien nach, die im großen

Strom der Zeit als das Konstante, als spürbar potenzierte

Energie erhalten geblieben sind.

Im Durch-Blick der "Tafelbilder" von Jochen Stenschke ist so

das Streben präsent, hinter die Dinge zu blicken, den Dingen

auf den Grund zu gehen, das ihnen Gemeinsame wie Trennen-

de, das Bleibende zu ergründen. Und tiefer noch gehen seine

Ergründungen, hinein in das Selbst, dem das Bewusste, aber

eben auch das Unbewusste eigen ist.

Im Zentrum steht der Mensch, der sich als Teil eines Zeit-

stromes ohne Anfang und ohne Ende begreift.

 

 
   
   
   
 

 

 
   
 

 

 

 
   
 

 
 

 

©  Text: Otto Pannewitz, Galerie der Stadt Sindelfingen

©  Bildmaterial: Michael Christoph

 

 
   
 

Katalog zur Ausstellung € 19,-- in der Galerie oder per e-mail

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